Die Gefahr dogmatischer Gleichgültigkeit
J.C. Ryle. D. D.
Wir brauchen heute Menschen mit einem klaren und bestimmten Glaubensbekenntnis. Ich kann meine Ansicht nicht verbergen, dass die christliche Gemeinde heute ebenso sehr durch die Weitherzigkeit und Unbestimmtheit in Glaubenssachen von innen her gefährdet ist, wie durch die Zweifler und Ungläubigen von außen. Tausende von Menschen, die sich gläubig nennen, sind heutzutage unfähig, die Dinge geistlich zu beurteilen. Sie gleichen Menschen, die farbenblind sind. Sie können weder die Wahrheit von der Lüge unterscheiden, noch das Gesunde von dem Ungesunden. Wenn ein Prediger nur klug, beredt und ernsthaft ist, so vertrauen sie ihm. Seine Predigten mögen dann noch so eigenartig und widerspruchsvoll sein. Solchen Gläubigen fehlt scheinbar der geistliche Unterscheidungssinn, sie sind unfähig, einen Irrtum zu erkennen. Das einzige, was mit Bestimmtheit von ihnen gesagt werden kann, ist, dass sie aller Klarheit feind sind, und dass in ihren Augen alle klar ausgesprochenen Ansichten äußerst bösartig und ungerecht sind.
Diese Menschen leben wie in einer Wolke oder in einem Nebel, sie sehen nichts deutlich und wissen nicht, was sie glauben. Sie sind sich über die wichtigsten Glaubensfragen nie klar geworden, man könnte sie für Ehrenmitglieder der verschiedensten theologischen Richtungen halten. Sie sind völlig außerstande zu sagen, welches die wahre Lehre ist über die Rechtfertigung, die Wiedergeburt, die Heiligung, das Abendmahl, die Taufe, den Glauben, die Bekehrung, die Inspiration der Bibel oder über das Leben nach dem Tode. Eine krankhafte Angst vor jeder Meinungsverschiedenheit und eine naive Abneigung gegen jede Stellungsnahme hält sie gefangen. Dennoch können sie nicht sagen, was sie unter den Ausdrücken verstehen, die sie gebrauchen. So leben sie unentschieden dahin, und nur zu oft verläuft ihr Leben so unentschlossen bis zum Ende. Sie können keinen Trost aus ihren Glauben schöpfen, und ich befürchte, dass sie oft auch keine Hoffnung haben.
Solche Menschen haben kein Rückgrad, keine Muskeln, sie gleichen einer Qualle. Wie können wir uns diese Haltung erklären? Zuerst müssen wir uns darüber klar sein, dass das menschliche Herz von Natur keine Klarheit über die wahre Religion hat. Es besitzt keinen gesunden intuitiven Sinn für die Wahrheit. Der Mensch braucht Belehrung und Wegweisung. Daneben verabscheut das natürliche Herz in der Regel jede Anstrengung in religiösen Dingen und schätzt das geduldige, gründliche Nachforschen durchaus nicht. Vor allem aber möchte der Mensch gewöhnlich von seinen Mitmenschen gelobt werden, er schreckt vor jedem Zusammenstoß zurück und will gerne als gütig und großzügig gelten. So kommt es, dass eine gewisse Unwissenheit über göttliche Dinge sehr viele Menschen, besonders jungen Leuten, durchaus zusagt. Sie sind froh, wenn sie alle strittigen Punkte wie Abfall beiseite wischen können. Wenn man sie auf ihre Unentschlossenheit aufmerksam macht, erwidern sie: „Ich erhebe keinen Anspruch darauf, etwas von diesen strittigen Punkten zu verstehen. Es liegt mir nichts daran, diese umstrittenen Fragen zu untersuchen. Es kommt letztlich ja doch alles auf dasselbe heraus.
Nun flehe ich aber jedermann an, sich vor dieser unklaren Stellung in religiösen Dingen zu hüten; denn sie ist eine Pestilenz, die im Finstern schleicht und eine Seuche, die am Mittag Verderben anrichtet. Es ist eine bequeme, träge Lebenseinstellung, die wohl dem betreffenden Menschen die Mühe des Nachdenkens und Nachforschens erspart, aber nirgends in der Bibel gestützt wird. Wagen Sie es um Ihrer eigenen Seele willen, und werden Sie sich darüber klar, was Sie eigentlich glauben. Fassen Sie den Mut, bestimmte, eindeutige Ansichten über Wahrheit und Irrtum zu vertreten. Schrecken Sie nie, eine klare Stellung in Glaubensfragen zu beziehen. Lassen Sie sich nicht durch Menschenfurcht und nicht durch krankhafte Angst, dass man Sie für parteiisch, eng oder streitsüchtig halten wird, dazu verleiten, sich mit einem Christentum zu begnügen, das leblos ist, und das kein Rückgrat, keinen Geschmack, keine Farbe, keine Wärme und keine Dogmatik hat.
Segen für andere basiert auf der Absage an die Unentschiedenheit und auf einer bestimmten, scharf umrissenen Stellung in der Lehre. Wenn Sie selbst wenig glauben, werden diejenigen, denen Sie gerne helfen möchten, überhaupt nichts glauben. Wo immer in der Christenheit Siege errungen wurden, da geschah es durch eine entschiedene Theologie, die dogmatisch eindeutig war. Sie verkündigte jedermann deutlich den stellvertretenden Tod und das Opfer Jesu Christi. Sie bezeugte, dass Jesus Christus für uns ans Kreuz ging und Sein Blut für uns vergoss. Sie lehrte die Rechtfertigung durch den Glauben und forderte die Menschen auf, an den gekreuzigten Heiland zu glauben. Sie predigte das ewige Verlorensein durch die Sünde, die Erlösung durch Jesus Christus und die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist. Sie erhöhte die eherne Schlange. Sie wies die Menschen auf Jesus Christus hin und ermahnte sie, auf IHN zu schauen und das ewige Leben von IHM zu empfangen – zu glauben, Buße zu tun und sich zu bekehren. Das ist die einzige Verkündigung, die Gott durch die Jahrhunderte hindurch mit Erfolg gekrönt hat, und die ER noch bis auf den heutigen Tag beglaubigt.
Nur eine biblische Lehre kann den Widerstand des Teufels brechen. Wir müssen an einer klaren dogmatischen Stellung festhalten, gleichgültig, was heute manche Menschen dazu sagen mögen. Dann werden wir selbst gesegnet sein, anderen zum Segen werden und dazu beitragen, dass das Reich Gottes ausgebreitet wird.
The Testimony